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Synergien und Konflikte

Klimaschutz und Klimaanpassung – Konflikttypen

Im Folgenden werden einige wesentliche „Konflikttypen“ aufgezeigt, die bei der Durchführung von Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen im Raum entstehen können.

Die Auflistung erfolgt gegliedert nach Handlungsfeldern der räumlichen Planung.

Siedlungsentwicklung: Hitze

  • Dichte oder gelockerte Bauweise angesichts zunehmender Hitzeinseleffekte?

Das Leitbild der „Kompakten Stadt“ spricht sich für eine hohe städtebauliche Dichte aus, was in Bezug auf den Klimaschutz zunächst positiv zu bewerten ist: eine hohe Dichte bewirkt meist eine Bündelung und somit Einsparung von Energie. Durch Verdichtung müssen keine weiteren, unbebauten Flächen beansprucht werden und es wird der Zersiedelung vorgebeugt, was wiederum den Autoverkehr reduzieren und CO2-Emissionen verringern kann.

Angesichts der durch den Klimawandel erwarteten verstärkten Hitzeeinseleffekte in Agglomerationsräumen kann eine hohe bauliche Dichte jedoch die negativen Folgen für das Stadtklima noch verstärken – besonders dann, wenn es an Grünflächen mangelt, die für die notwendigen Kühlungs- und Frischlufteffekte sorgen können.

 Um diesen Konflikt zu vermeiden, sollte eine angemessene Dichte angestrebt werden bzw. sowohl bei Neuplanungen im innerstädtischen Bereich als auch im Siedlungsbestand für eine ausreichende Durchgrünung und Freihaltung von Kalt- bzw. Frischluftschneisen gesorgt werden. Erfahrungsgemäß ist dies im Bestand schwieriger durchzusetzen, jedoch wurden in Forschungsprojekten hierfür bereits vielfältige Ansätze bzw. Tools entwickelt. Folgende Möglichkeiten, die sowohl dem Klimaschutz als auch der  Klimaanpassung dienlich sind, werden genannt:

  • Begrünung von Dächern und Fassaden
  • Begrünung von Straßenbahngleisen
  • Verwendung geeigneter, schattenspendender Baumarten
  • Gestaltung öffentlicher Stadträume mit Wasser (Kühlungseffekt)
  • Ausbau des ÖPNV (Reduktion von CO2-Emissionen)
  • Solardächer (Beitrag zum Ausbau erneuerbarer Energien im urbanen Raum)

Im Forschungsvorhaben AMICA z.B. wurde eine „Matrix of Measures Integrating Mitigation and Adaptation“ entwickelt, die jeweils für den Energie- und Bausektor und die räumliche Planung integrative Maßnahmen herausstellt.

http://www.amica-climate.net/online_tool0.html

Die Region Stuttgart hat eine „Städtebauliche Klimafibel“ mit Hinweisen für die Bauleitplanung erarbeitetet. Die Erhaltung und Wiedergewinnung der natürlichen Vegetation soll zu einer klimagerechten Bauleitplanung beitragen.

http://www.staedtebauliche-klimafibel.de/index-1.htm

Insbesondere die Stadtplanung kann durch das Bemühen um Klimaschutz und -anpassung im innerstädtischen Bereich vor einen weiteren Konflikt gestellt werden: das Gebot der „Innen- vor Außenentwicklung“ widerspricht einer großzügigen Durchgrünung; nicht zuletzt stehen wirtschaftliche Interessen (bezüglich der Bebauung innerstädtischer Freiflächen) entgegen, was Städte angesichts ihrer meist schwierigen finanziellen Lage kaum anders handeln lässt.

Eine andere Möglichkeit der Integration von Klimaschutz und Klimaanpassung in der Siedlungsentwicklung bietet sich aber möglicherweise durch die Folgen des demographischen Wandels bzw. den Stadtumbau: stehen durch den Rückbau von Gebäuden neue Flächen zur Verfügung, könnten diese für Anpassungsmaßnahmen genutzt werden.

 

Freiraumentwicklung: Ausbau von Biotopverbünden

  • Schaffung von Migrationskorridoren vs. Flächen für den Ausbau erneuerbarer Energien

Die Schaffung von Biotopverbundsystemen, durch die Tieren und Pflanzen Rückzugs- bzw. Wanderungsmöglichkeiten in Verbindung mit der Anpassung an Klimaänderungen ermöglicht werden sollen, bedeutet die Inanspruchnahme von Flächen, die aber auch für andere Landnutzungen und nicht zuletzt für den Ausbau erneuerbarer Energien benötigt werden. Hierdurch zeichnet sich wiederum ein Konflikt zwischen Klimaanpassung und -schutz ab.

Freiraumentwicklung/ Infrastruktur: Steuerung der Flächen für erneuerbare Energien

  • Ausbau erneuerbarer Energien vs. Flächenbedarf für Anpassungsmaßnahmen

Der Ausbau erneuerbarer Energien trägt zur Vermeidung von CO2-Emissionen bei, leistet somit also einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz. Angesichts der erwarteten Klimaänderungen und in ihrer Folge zunehmenden Extremwetterereignissen (wie Stürmen, Schneelasten, Eis und Hagel), die z.B. auch zentral errichtete Großkraftwerke in kürzester Zeit außer Funktion setzen können, scheint es auch aus Anpassungssicht sinnvoll, die zumeist dezentralen Anlagen erneuerbarer Energien zu fördern, denn der Ausfall vereinzelter Anlagen verursacht entsprechend weniger (ökonomische) Schäden.

Konflikte bezüglich der „Standhaftigkeit“ gegenüber Extremwetterereignissen bestehen aber auch bei Anlagen der erneuerbaren Energien – so z.B. bei bestimmten Solaranlagen, die anfällig gegenüber Hagel sind.

Des Weiteren bedeutet der Ausbau erneuerbarer Energien in der Regel einen hohen Flächenbedarf, was in Einklang mit anderen Ansprüchen an die Flächennutzungen gebracht werden muss. Nicht zuletzt kann dies auch einen Konflikt gegenüber Anpassungsmaßnahmen bedeuten, werden aktuell schließlich die Ausweisung von Vorbehaltsgebieten für Klimaschutz- und Klimaanpassung diskutiert (vgl. BMVBS 2010, Service Rubrik „Weiterführende Literatur“).

Infrastruktur: Energieverbrauch von Klimaanlagen in Hitzeperioden

Die durch den Klimawandel zunehmenden Hitzeperioden im Sommer führen zu einem erhöhten Energieverbrauch durch den Betrieb von mehr Klimaanlagen. Dies verursacht wiederum erhöhte CO2-Emissionen. Eine Möglichkeit, diesen Konflikt zu bewältigen, sind bauliche Maßnahmen zur Gebäudekühlung und Abhaltung intensiver Sonneneinstrahlung. Eine gute Isolierung kann zudem nicht nur im Sommer zur Kühlung, sondern auch im Winter zur Einsparung von Heizenergie beitragen.

Bauliche Maßnahmen verursachen jedoch auch zunächst Kosten, was bedeutet, dass sich nicht jeder diese (wenn auch auf langfristige Sicht sich rechnenden) Investitionen in die Gebäudedämmung leisten kann.

Der im Forschungsprojekt ErKlim erarbeitete „KyotoPlusNavigator“ (Praxisleitfaden zur Förderung von Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel) hat mit einem Fokus auf die Bereiche Bauen und Wohnen sowie Mobilität eine Reihe weiterer Synergien und Konflikte zwischen Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen zusammengestellt, die zwar zumeist nur indirekt durch die räumliche Planung beeinflussbar sind, aber eine erste Orientierung zu diesem Themenschwerpunkt bieten.

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